Kirchbau im 12. Jahrhundert und Beginn der Matthiasverehrung

In die erste Hälfte des 12. Jahrhunderts datiert der Bau der noch heute bestehenden Kirche. Ein direkter Anlass zum Neubau ist uns nicht überliefert, doch stand er sicher im Zusammenhang mit bischöflichen Baumaßnahmen, die etwa gleichzeitig am Dom und am Simeonstift durchgeführt wurden.

Im Jahr 1127 werden bei Abrissarbeiten am Vorgängerbau Reliquien des Apostels Matthias entdeckt. Die mittelalterliche Klosterüberlieferung weiß zwar schon von einer ersten Auffindung um 1050 zu berichten, doch verbreitet sich die Kenntnis davon erst jetzt. Sogleich setzt ein Pilgerstrom ein, dessen Einzugsgebiet sich von der Nordsee bis zu den Alpen erstreckt. Von da an nimmt das Kloster allmählich im Volksmund den Namen "St. Matthias" an. Die neue Kirche, von ihrer Vorgeschichte her Grabkirche des hl. Eucharius und Mönchskirche, erhält nun auch den Charakter einer Wallfahrtskirche. Die Wallfahrt ist bis heute lebendig. Im Laufe der Jahrhunderte bildeten sich immer neue Wallfahrtsgruppen und Bruderschaften. Derzeit kommen etwa 140 Pilgergruppen zu Fuß nach Trier.

Die Weihe der noch unvollendeten Kirche durch Papst Eugen III. bei seinem Trierer Aufenthalt im Jahre 1148 bezeichnet einen Höhepunkt der Klostergeschichte, wie denn das 12. Jahrhundert auch sonst für die Abtei eine glanzvolle Zeit bedeutet. Alte Besitzrechte und auch die gerade aufkeimende Matthiasverehrung erfahren durch Papst Eugen III. eine Bestätigung. Die Äbte werden zur Mitarbeit an bischöflichen Aufgaben herangezogen. Hierzu zählen u.a. Durchführung von Reformen und Regelung der geistlichen und wirtschaftlichen Belange von Nonnenklöstern, z.B. Marienberg bei Boppard. Das Skriptorium des Klosters zeigt eine rege Tätigkeit. Die hl. Hildegard von Bingen steht im Briefwechsel mit der Gemeinschaft.

Die lange Regierung des Abtes Jakob von Lothringen (1211-1257) schließt die mittelalterliche Blütezeit des Klosters ab. Er wird von Papst Honorius III. in die zentralen Reformbemühungen für die Benediktiner, die vom 4. Laterankonzil ausgingen, einbezogen und mit dem Abt von St. Aper in Toul und zwei Zisterzienseräbten in den Vorsitz des Äbtekapitels der Trierischen Kirchenprovinz berufen. Für die Abtei selbst wirkt sich dies bis heute sichtbar in dem frühgotischen Klosterbau aus, der stark von der Bauweise der Zisterzienser beeinflusst ist. Erhalten sind aus dieser Zeit der Kreuzgang und der gesamte Ostflügel des Quadrums: die heutige Sakristei, der Kapitelsaal, das Refektorium und das dreischiffige Dormitorium. In dieser Zeit entstehen auch das Kreuzreliquiar, die Marienkapelle und die Quirinuskapelle auf dem Friedhof.

Um 1300 kommt es zwischen Abtei und Erzbischof zu Streitigkeiten um die Besetzung des Abtsamtes in St. Matthias. Diese werden später beigelegt und das Verhältnis verbessert sich wieder. Innere und äußere Ruhe tragen zur Konsolidierung und zum Wohlstand der Gemeinschaft bei, und es stellt sich eine Neigung zu äußerer Prachtentfaltung ein.

Reform im Vorfeld der Reformation, Johannes Rode

Die benediktinischen Reformbemühungen des Konstanzer Konzils wirken sich 1421 aus, als Erzbischof Otto von Ziegenhain den Kartäuserprior Johannes Rode, ehemals Offizial des Oberstiftes - wir würden heute sagen: Generalvikar -, mit päpstlicher Erlaubnis als Abt in St. Matthias einsetzt (1421-1439). In zäher Arbeit erneuert er nicht nur die eigene Abtei wirtschaftlich und geistlich, sondern reformiert auch in bischöflichem Auftrag und später als Generalvisitator des Baseler Konzils die übrigen Trierer Abteien und etliche andere. Die von ihm verfassten Statuten für St. Matthias, also eine Lebensordnung für die Klostergemeinschaft gemäß der Regel des Hl. Benedikt, werden auch in anderen Klöstern befolgt und wirken nach seinem Tode weiter. Der Versuch einer eigenen Kongregationsbildung um St. Matthias unter seinem Nachfolger misslingt, und spätestens 1458 ist St. Matthias Mitglied der Bursfelder Kongregation (gegründet 1446), die Elemente der Rode'schen Konstitutionen übernahm.

An der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert zeigt sich eine rege Bautätigkeit. Das romanische Gewölbe der Kirche wird durch ein Netzgewölbe mit einem reichen ikonographischen Programm von Schlusssteinen ersetzt. Es entsteht die Apsis mit den drei hohen Maßwerkfenstern und einer zeitgenössischen Verglasung, deren letzter Rest das erhaltene Kreuzfenster ist. Auch das Matthiasgrab erhält eine neue Anlage, deren Hauptfigur, ein liegender Hl. Matthias seit 1967 wieder seine Grablege bezeichnet.

Bis in den Beginn des 16. Jahrhunderts sind ein guter Stand des wissenschaftlichen Lebens und rege Beziehungen zur 1473 gegründeten Trierer Universität und zum rheinischen Humanismus zu beobachten. Gegen die Mitte des Jahrhunderts lässt das wissenschaftliche Streben nach. Die Reformation, die in anderen Gegenden des Reiches große Umbrüche auslöst, hinterlässt kaum Spuren in der Klostergeschichte.

Soziale Strukturen

Wie viele der alten Klöster setzte sich der Konvent über Jahrhunderte zum größten Teil aus Adeligen zusammen, in St. Matthias meist aus Mitgliedern des niederen Adels. Erst nach der Rodeschen Erneuerung ist die Abtei kein ausgeprägtes Adelskloster mehr und der bürgerliche Einfluss nimmt mehr und mehr zu. Die Herkunft des Nachwuchses verschiebt sich in dieser Zeit vom lothringisch-rheinischen Raum mehr auf das rheinisch-niederländische Gebiet. Im 17. und 18. erscheinen eine Anzahl Söhne aus reichen Bauerngeschlechtern der näheren Umgebung in den Konvents- und Abtslisten.

Die Anzahl der Konventualen zeigt über die Jahrhunderte hinweg große Schwankungen. In den Zeiten wirtschaftlicher und geistiger Blüte sind es bis zu 50, durch Seuchen und Kriegswirren werden sie zeitweise auf 10 Mönche dezimiert. Im Durchschnitt sind es immer etwa 30 Mönche. Bis ins 15. Jahrhundert sind zum Konvent noch Mitglieder zu zählen, die in einer etwas gemäßigteren Form der Zugehörigkeit mitleben (Konversen und Donaten).

Zur "familia" des Klosters zählen auch das Gesinde und die Leute in den Grundherrschaften. Die Leibeigenschaft verschwindet im Laufe des 17. und 18. Jahrhundert, gegenseitige Rechte und Pflichten bleiben allerdings bestehen.

Als Bild für die sozialen Strukturen, bietet sich ein Kreismodell an, dessen Mittelpunkt der Konvent bildet. Um diesen herum sind verschiedene Formen der Zugehörigkeit und Abhängigkeit angesiedelt. In dieses Kreismodell gehören auch die Stifter und Wohltäter. Für die frühe Zeit und besonders das 11. Jahrhundert wurden bereits Stiftungen von adeliger und bischöflicher Seite erwähnt. Diese und andere Schenkungen waren allerdings meistens mit Verpflichtungen verbunden: entweder mit ideellen Verpflichtungen wie Gebet und Fürbitte zugunsten des Seelenheils des Stifters oder handfesten wie Stellung von Wohnung, Unterhalt und geistliche Betreuung durch die Abtei. In einer Zeit ohne Sozial- und Lebensversicherung war dies eine weitverbreitet Praxis.

Zu erwähnen ist noch das "Nikolaus-Hospital" und das Leprosenhaus "Estricher Hof". Letzterer lag südlich der Abtei an der Stelle des heutigen Gasthauses gleichen Namens und diente der Aufnahme unheilbar Kranker. Das "Nikolaus-Hospital" lag nördlich des Freihofes zwischen dem heutigen Pfarrhaus und der Kirche. Es handelte sich um eine Stiftung zugunsten armer und alter Menschen. In der Säkularisation wurde der Besitz der beiden Häuser in die Stiftung der "Vereinigten Hospizien" übernommen.

Die Zuständigkeiten innerhalb des Konventes waren gemäß der Benediktsregel auf verschiedene Dienste und Aufgabenbereiche verteilt. Der Abt nahm dabei eine herausgehobene Stellung ein, die vereinzelt zu einer Entfremdung vom Konvent und absolutistischen Tendenzen führte. Als äußeres Zeichen dieser Entwicklung tauchen besonders im 17. und 18. Jahrhundert vermehrt die Wappen der Äbte an zeitgenössischen Baumaßnahmen auf, z.B.: an den Portalen der Kirche oder an der Empore.

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